unileben magazin ausgabe 03'2010

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„Skandal“: In der Bibel murrten die Israeliten auf dem Weg ins gelobte Land gegen Gott – bis er Brot schickte. Der Skandalbegriff wurde ursprünglich in religiösem Sinn verwendet.

Seit dem 18. Jahrhundert wird der Skandalbegriff zunehmend nicht-religiös verwendet: Heute unter anderem auch für bestechliche Fußball-Schiedsrichter. Foto: Fotolia

Prof. Dr. Andreas Gelz
(46) studierte von 1984 bis 1991 Romanistik und Germanistik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. 1994 wurde er promoviert, 2002 habilitiert. Nach Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Greifswald, Würzburg und München erhielt er 2004 den Ruf auf eine Professur für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Kassel. Seit 2007 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Romanische Philologie an der Universität Freiburg. Gelz’ Arbeitsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der französischen und spanischen Literatur- und Kulturgeschichte des 17. bis 20. Jahrhunderts, der französischen Gegenwartsliteratur und der Literaturtheorie.
Foto: Klaußner

Murren ist ein Skandal

Andreas Gelz untersucht den „Skandal“ in der spanischen Literatur, um daran gesellschaftliche Veränderungen festzumachen – und aktuelle Probleme besser zu verstehen

Die Handlung des Romans „El Escándalo“ („Der Skandal“) ist so vorhersehbar, dass es fast schon langweilt. Trotzdem kam das Buch bei seiner Veröffentlichung 1875 in Spanien gut an. Der Autor Pedro Antonio de Alarcón lässt seine Hauptfigur ein gotteslästerliches Leben als Trinker, Frauenheld und Spieler führen – ein Skandal. Dann folgt die Wandlung, der Bösewicht bereut und tut Buße, es drängt ihn zurück in die Arme der katholischen Kirche. In einer Szene des Romans kämpft sich der wieder Gläubige dem Strom einer Menschenmenge entgegen, die während des Karnevals in ein Amüsierviertel drängt – um selbst in einem Kloster die Beichte abzulegen.

Der Ausdruck „Skandal“ wird in dem Roman so verwendet, wie es Jahrhunderte lang normal war: in religiösem Sinne. Heute ist alles zum Skandal geworden: korrupte Politiker, halb nackte Popsternchen, parteiische Fußball-Schiedsrichter. Diese Säkularisierung des Skandalbegriffs sei ein modernes Phänomen, sagt der Freiburger Romanist Prof. Dr. Andreas Gelz: „In Frankreich etwa taucht der Begriff schon im 18. Jahrhundert in vielen Texten ohne religiösen Zusammenhang auf.“ Nicht so in Spanien: Dort hielt sich die traditionelle Bedeutung bis ins 20. Jahrhundert.

An dem Ausdruck lässt sich viel festmachen. Andreas Gelz hat sich deshalb dafür entschieden, den Skandalbegriff und seine Verwendung näher zu untersuchen: in der spanischen Literatur, aber auch in historischen oder juristischen Texten, in Pamphleten oder Zeitungen. „Die Probleme der Entwicklung Spaniens in der Moderne kristallisieren sich im Skandalbegriff“, vermutet er. Der Ausdruck sei eine Art Brennglas, durch das man die spanische Geschichte betrachten könne: Verstehe man die Veränderung des Skandalbegriffs, dann könne man auch Veränderungen in der spanischen Gesellschaft nachvollziehen und die Entwicklung Spaniens in Europa erklären.

Skandale gab es schon in der Bibel

Die Idee zur Untersuchung des Skandalbegriffs hatte Gelz während eines Forschungsprojekts zu Geselligkeit und Literatur im Spanien des 18. Jahrhunderts. Dabei fiel ihm der häufig verwendete Ausdruck auf. Mit seinem literaturwissenschaftlichen Ansatz betritt er wissenschaftliches Neuland: Medien- und sozialwissenschaftliche Forschung beschäftige sich vor allem mit modernen Skandalen und blende religiöse Hintergründe des Begriffs weitgehend aus. Ein Großteil der literaturwissenschaftlichen Forschung beschränke sich auf das so genannte „Goldene Zeitalter“ Spaniens im 16. und 17. Jahrhundert. Das sei deutlich geworden bei einer Tagung zum Skandalbegriff „zwischen religiöser Norm und säkularer Gesellschaft“, die auf Gelz’ Initiative im März 2010 vom Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) organisiert wurde.

Das Buch „El Escándalo“ zeigt die Sonderstellung Spaniens in Europa: 1875 hatten sich bereits viele europäische Staaten modernisiert, die Macht der Kirche war durch Reformation und Säkularisierung zurückgedrängt worden. In Spanien dagegen erschien der Roman als Warnruf gegen solche Veränderungen, Alarcón schrieb gegen die Moderne an. Das Buch repräsentiere die Mehrheitsmeinung der damaligen Gesellschaft: In Frankreich oder Großbritannien, glaubt Andreas Gelz, wäre es kaum so begeistert gelesen worden.

Der Ursprung des Worts „Skandal“ reicht mindestens bis in die Zeit des Alten Testaments zurück. Der Ausdruck wird in der Bibel in mehrfacher Hinsicht benutzt: Für Sünde und Sünder, die Versuchung und den Verstoß gegen göttliche Gebote. Die Kirche prägte den Skandalbegriff über Jahrhunderte hinweg. Der Skandal-Vorwurf wurde zu Maulkorb und Rohrstock in einem: Die Kirche verwendete ihn bei Verstößen gegen Glaubensgrundsätze und bei moraltheologischen Fragen.

Die Zensur prägte die schriftliche Kommunikation in Spanien: Autoren mussten sich an Vorgaben halten, wenn sie keine Sanktionen erleiden wollten. Ein gutes Beispiel dafür, erklärt Andreas Gelz, sei der Ausdruck des „Murrens“, auf Spanisch „murmuración“: Schon in der Bibel sei das Murren als Skandal dargestellt worden. Die Israeliten murrten beim Auszug aus Ägypten, weil sie auf der Reise ins „gelobte Land“ Hunger und Durst erleiden mussten. Das brachte sie dazu, die Allmacht Gottes infrage zu stellen. Die katholische Kirche Spaniens ächtete das Murren und seine sprachlichen Formen, etwa die „üble Nachrede“ oder die literarische Satire. Die Folge: Viele Autoren entschärften ihre Texte durch ein erklärendes Vorwort oder schrieben Kritik nur noch zwischen den Zeilen.

Noch in den 1880er-Jahren erschien in Spanien das ultrakonservative, monumentale Geschichtswerk „Historia de los heterodoxos españoles“ („Geschichte der spanischen Heterodoxie“). Der Autor wettere gegen die politische und religiöse Modernisierung, erklärt Gelz, besonders gegen die Heterodoxie, also den Abfall vom rechten Glauben. „Dieses Buch wirkte noch bis weit in die Franco-Ära hinein und prägte das Sendungsbewusstsein des Regimes.“

War Spanien schlicht eine „verspätete Nation“, deren Eliten versuchten, die Moderne aufzuhalten? Andreas Gelz sieht das nicht so. „In Spanien gab es möglicherweise eine andere Modernisierung, aber keine verspätete.“ Zwar sei die katholische Kirche sehr lange mächtig geblieben, aber die Eliten hätten auf gesellschaftliche Veränderungen gedrängt. Nicht aus Freiheits- oder Revolutionsgedanken heraus, sondern aus Notwendigkeit: Sie wollten wirtschaftlich und wissenschaftlich nicht von den anderen Staaten Europas abgehängt werden. Bis zu einem gewissen Punkt hätten auch Adlige, Minister oder Beamte Veränderungen gewollt. „Das war eine Gratwanderung zwischen Tradition und Modernisierung“, sagt Gelz, „die Literatur hat diese Prozesse in Spanien mitgetragen und mitgestaltet.“

Der Freiburger Literaturwissenschaftler sieht bei seinem Forschungsthema mehrere Anknüpfungspunkte zur Gegenwart: Auch heute spielten religiöse Fundamentalisten Religion und gesellschaftliche Modernisierung gegeneinander aus: „Heute wird vielen Staaten das Label ‚verspätet‘ angeheftet. Das ist zu einfach, und dadurch wiederholt man Muster, die es im Umgang mit Spanien auch schon gegeben hat.“ So sei für den islamischen Fundamentalismus die Entwicklung der westlichen Welt ein religiöser Skandal, während westliche Publizisten gerade diese Auffassung als skandalös empfänden. Andreas Gelz bezeichnet das Aufeinanderprallen dieser beiden unterschiedlichen Skandalbegriffe deshalb als „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“.

Durch „Skandal“-Forschung aktuelle Probleme erklären

Den Mechanismen, die es damals im Umgang mit dem „verspäteten“ Spanien gegeben habe, begegne man heute zum Teil wieder, sagt Gelz. Etwa im Buch „Kampf der Kulturen“, dessen Autor Samuel Huntington davon ausgeht, dass es zukünftig Konflikte zwischen Kulturen geben wird und nicht mehr zwischen Staaten. Diese Prozesse will der Freiburger Romanist durch seine Forschung zum Skandalbegriff herausarbeiten und daraus Schlüsse ziehen, die für die Lösung heutiger Probleme relevant werden könnten.

Dass das Skandal-Thema weiterhin aktuell bleibe und viel Stoff für die Forschung biete, zeige ein weiterer Trend: Heute werde der Skandalbegriff wieder zunehmend in traditionellem Sinn verwendet, auch im Westen und in Spanien: „Der scheinbar anachronistische, religiöse Gebrauch des Skandalbegriffs ist omnipräsent und schürt Fundamentalismen aller Art.“ Diese Entwicklung werde zum Teil von den Medien vorangetrieben, die Skandale potenzierten. Prominentestes Beispiel dafür ist der „Karikaturenstreit“: Die Zeichnung einer dänischen Zeitung ging um die Welt, löste Proteste aus und war das Motiv eines religiös-fundamentalistischen Attentäters, der den Karikaturenzeichner ermorden wollte.

von Benjamin Klaußner